28. Januar 2011
15. Januar 2011
Kurz gecheckt: Der Rhein, die Schwefelsäure und die Medien
Auf dem Rhein ist ein Schiff gekentert, einige Bootsmänner werden vermisst, Frachtgut ist eine Säure und diese könnte eventuell auslaufen. Ein bisschen ist wohl auch ausgelaufen, denn der pH-Wert um das Schiff herum schwankt. So weit, so tragisch.
Und jetzt schauen wir uns mal die Berichterstattung an.
Am 13.1.2011 schreibt focus.de über einen Tanker, der gekentert ist. Der hatte Säure bei sich. Soweit ist das ja richtig. Der Autor präzisiert in der Überschrift nicht - Säure ist Säure ist Säure, so oder so ähnlich. Macht nichts. In erster Linie ist’s ja wirklich recht egal. Es sei denn natürlich, es ist irgendeine ungefährliche Säure, aber davon gehen wir stillschweigend mal nicht aus. Außerdem taucht dann doch am Ende im Artikel auf, dass es Schwefelsäure war. Ich bin stolz ob der Vorsicht. Sie sind zudem nicht die einzigen, die sich in Zurückhaltung üben, gibt noch mehr Journalisten, die da nicht ins kalte Wasser springen, sondern erst mal eine Recherche abwarten. (focus.de, 13.1.2011: „Unfall - Tankschiff mit Säure kentert an der Loreley“)
Zwei Tage später hat sich’s aber jemand bei focus.de anders überlegt. Vorsicht ist was für Elefanten, wird da der Gedanke gewesen sein, so glaubt man zumindest, wenn man das hier liest: „Möglicherweise fließt Salzsäure in den Rhein“. Wow! Halt! Stopp! Salzsäure? Das ist natürlich eine ganz andere Sache, die Salzsäure. Wie ist denn das passiert, wo kommt die her? Wer hat das gezaubert? Ach so. Nur der Artikelschreiberling. (focus.de, 15.1.2011: „Havarierter Tanker - Möglicherweise fließt Salzsäure in den Rhein“)
Besonders gut gefallen hat mir auch das Horrorszenario von der Basler Zeitung (online-Auftritt). Doch zunächst mal wird festgestellt, dass am Rhein in Basel ja gar keine (oder höchsten in winzigen Mengen) Chemie verschifft wird, und wenn, dann macht man alles richtig (irre ich mich oder klingt das wie Häme?). Klar, die Beispiele mit Öl und Benzin, die dann doch tankerweise verschifft werden, die haben mit Chemie nichts zu tun. Logisch, wie auch. Benzin, Öl, Chemie? Pffff.
Jedenfalls wird dann im ersten Absatz auf einen Vorgängerartikel (den ich beim besten Willen nicht finde) verwiesen, in dem das absolut spektakulärste Horrorszenario beschrieben wird, das man sich vorstellen kann: Läuft die Schwefelsäure aus, könnte der Rhein zu kochen beginnen. BOOYA! Da hat sich jemand an den Chemieunterricht erinnert: Schwefelsäure und Wasser reagieren stark exotherm… und hat dann prompt die Reihenfolge durcheinander gebracht. Wirklich gefährlich (Explosion! Spritzgefahr! Dichter, ätzender, giftiger Nebel!) wäre es, wenn der Rhein aus Schwefelsäure bestünde und der Tanker Wasser geladen hätte. Oder wenn der Tanker bricht und absolut alles auf einmal in den Rhein entleert wird. Wenn aber die Schwefelsäure aus mehreren Lecks kommt, wird’s ein bisschen warm und sauer, doch Kochen wird es eher nicht. (Mal abgesehen davon, dass die Verdünnung der Schwefelsäure tatsächlich als Teil des Notfallbergungsplan bereitgehalten wird.) Aber lassen wir das, so ein bissl Angstmachen kann ja auch Spaß machen. (bazonline.ch, 15.1.2011: „In Basel schwimmt keine Chemie“)
stern. de und rtl.de schöpfen gleich aus den Vollen: Giftig ist‘s nämlich auch noch! Also, da windet sich bei mir alles. Zum einen wurde Schwefelsäure nie als giftig eingestuft (wisst schon, die Gefahrensymbole T und T+ hat sie nicht erhalten). Es wirkt zudem auch nicht wirklich giftig, wie man es eben von einem Gift erwartet. Es blockiert keine biochemischen Wege, greift nicht Nerven oder Nieren oder sonst was an. Es ätzt bloß und hinterlässt schlecht heilende Wunden (wenn es konzentriert ist). Aber giftig? Meh. Die Zersetzungsprodukte sind es vielleicht noch, ja, aber die Säure? Wie gesagt: Meh. Die Tatsache, dass es für den Begriff „Gift“ in Wirklichkeit noch nicht mal eine klare Definition gibt, macht es da irgendwie auch nicht leichter. Fachlich komplett falsch kann man also nicht vorwerfen, aber der Beigeschmack von „irgendwie stimmt’s nicht“ bleibt. (stern.de, 14.1.2011: „Havarierter Säure -Tanker soll gesichert werden“ und rtl.de, 14.1.2011: „Gift-Tanker auf dem Rhein gekentert“ Auch die BaslerZeitung (oben) merkt etwas von hochgiftigen Stoffen an, bezieht sich aber nicht explizit auf Schwefelsäure.)
Weitgehend wäre es das auch, wenn nicht oe24.at beschlossen hätte, den Vogel abzuschießen (man muss sich ja irgendwie abheben): Bei denen ist ein ganzer Schwefeltanker gekentert. Na, was für eine Sauerei dieser Tanker anrichtet. Und wer räumt jetzt all die Chemikalien aus dem Rhein? (oe24.at, 13.1.2011: „Schiffsunglück - Schwefeltanker auf dem Rhein gekentert“)
Zum Schluss noch ein positives Beispiel: rhein-zeitung.de hat eine kleine, feine und nicht falsche Zusammenfassung über Schwefelsäure zusammengestellt und hat nach allem, was ich so bislang gesehen habe, sich auch recht wacker in Bezug Chemie geschlagen. Ist natürlich nicht das einzige Medienangebot, dass das geschafft hat, hoffe aber, dass es davon in Zukunft mehr werden.
EDIT 16.1.2011
focus.de hat sich die Mühe gemacht, die Überschrift (2. Bsp.) zu korrigieren. Im Stichwortverzeichnis an der Seite weist jedoch noch immer alles auf Salzsäure.
Und jetzt schauen wir uns mal die Berichterstattung an.
Am 13.1.2011 schreibt focus.de über einen Tanker, der gekentert ist. Der hatte Säure bei sich. Soweit ist das ja richtig. Der Autor präzisiert in der Überschrift nicht - Säure ist Säure ist Säure, so oder so ähnlich. Macht nichts. In erster Linie ist’s ja wirklich recht egal. Es sei denn natürlich, es ist irgendeine ungefährliche Säure, aber davon gehen wir stillschweigend mal nicht aus. Außerdem taucht dann doch am Ende im Artikel auf, dass es Schwefelsäure war. Ich bin stolz ob der Vorsicht. Sie sind zudem nicht die einzigen, die sich in Zurückhaltung üben, gibt noch mehr Journalisten, die da nicht ins kalte Wasser springen, sondern erst mal eine Recherche abwarten. (focus.de, 13.1.2011: „Unfall - Tankschiff mit Säure kentert an der Loreley“)
Zwei Tage später hat sich’s aber jemand bei focus.de anders überlegt. Vorsicht ist was für Elefanten, wird da der Gedanke gewesen sein, so glaubt man zumindest, wenn man das hier liest: „Möglicherweise fließt Salzsäure in den Rhein“. Wow! Halt! Stopp! Salzsäure? Das ist natürlich eine ganz andere Sache, die Salzsäure. Wie ist denn das passiert, wo kommt die her? Wer hat das gezaubert? Ach so. Nur der Artikelschreiberling. (focus.de, 15.1.2011: „Havarierter Tanker - Möglicherweise fließt Salzsäure in den Rhein“)
Besonders gut gefallen hat mir auch das Horrorszenario von der Basler Zeitung (online-Auftritt). Doch zunächst mal wird festgestellt, dass am Rhein in Basel ja gar keine (oder höchsten in winzigen Mengen) Chemie verschifft wird, und wenn, dann macht man alles richtig (irre ich mich oder klingt das wie Häme?). Klar, die Beispiele mit Öl und Benzin, die dann doch tankerweise verschifft werden, die haben mit Chemie nichts zu tun. Logisch, wie auch. Benzin, Öl, Chemie? Pffff.
Jedenfalls wird dann im ersten Absatz auf einen Vorgängerartikel (den ich beim besten Willen nicht finde) verwiesen, in dem das absolut spektakulärste Horrorszenario beschrieben wird, das man sich vorstellen kann: Läuft die Schwefelsäure aus, könnte der Rhein zu kochen beginnen. BOOYA! Da hat sich jemand an den Chemieunterricht erinnert: Schwefelsäure und Wasser reagieren stark exotherm… und hat dann prompt die Reihenfolge durcheinander gebracht. Wirklich gefährlich (Explosion! Spritzgefahr! Dichter, ätzender, giftiger Nebel!) wäre es, wenn der Rhein aus Schwefelsäure bestünde und der Tanker Wasser geladen hätte. Oder wenn der Tanker bricht und absolut alles auf einmal in den Rhein entleert wird. Wenn aber die Schwefelsäure aus mehreren Lecks kommt, wird’s ein bisschen warm und sauer, doch Kochen wird es eher nicht. (Mal abgesehen davon, dass die Verdünnung der Schwefelsäure tatsächlich als Teil des Notfallbergungsplan bereitgehalten wird.) Aber lassen wir das, so ein bissl Angstmachen kann ja auch Spaß machen. (bazonline.ch, 15.1.2011: „In Basel schwimmt keine Chemie“)
stern. de und rtl.de schöpfen gleich aus den Vollen: Giftig ist‘s nämlich auch noch! Also, da windet sich bei mir alles. Zum einen wurde Schwefelsäure nie als giftig eingestuft (wisst schon, die Gefahrensymbole T und T+ hat sie nicht erhalten). Es wirkt zudem auch nicht wirklich giftig, wie man es eben von einem Gift erwartet. Es blockiert keine biochemischen Wege, greift nicht Nerven oder Nieren oder sonst was an. Es ätzt bloß und hinterlässt schlecht heilende Wunden (wenn es konzentriert ist). Aber giftig? Meh. Die Zersetzungsprodukte sind es vielleicht noch, ja, aber die Säure? Wie gesagt: Meh. Die Tatsache, dass es für den Begriff „Gift“ in Wirklichkeit noch nicht mal eine klare Definition gibt, macht es da irgendwie auch nicht leichter. Fachlich komplett falsch kann man also nicht vorwerfen, aber der Beigeschmack von „irgendwie stimmt’s nicht“ bleibt. (stern.de, 14.1.2011: „Havarierter Säure -Tanker soll gesichert werden“ und rtl.de, 14.1.2011: „Gift-Tanker auf dem Rhein gekentert“ Auch die BaslerZeitung (oben) merkt etwas von hochgiftigen Stoffen an, bezieht sich aber nicht explizit auf Schwefelsäure.)
Weitgehend wäre es das auch, wenn nicht oe24.at beschlossen hätte, den Vogel abzuschießen (man muss sich ja irgendwie abheben): Bei denen ist ein ganzer Schwefeltanker gekentert. Na, was für eine Sauerei dieser Tanker anrichtet. Und wer räumt jetzt all die Chemikalien aus dem Rhein? (oe24.at, 13.1.2011: „Schiffsunglück - Schwefeltanker auf dem Rhein gekentert“)
Zum Schluss noch ein positives Beispiel: rhein-zeitung.de hat eine kleine, feine und nicht falsche Zusammenfassung über Schwefelsäure zusammengestellt und hat nach allem, was ich so bislang gesehen habe, sich auch recht wacker in Bezug Chemie geschlagen. Ist natürlich nicht das einzige Medienangebot, dass das geschafft hat, hoffe aber, dass es davon in Zukunft mehr werden.
EDIT 16.1.2011
focus.de hat sich die Mühe gemacht, die Überschrift (2. Bsp.) zu korrigieren. Im Stichwortverzeichnis an der Seite weist jedoch noch immer alles auf Salzsäure.
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